"Nur Rock 'n' Roll bietet Trost"

Der Musiker Billy Idol, 49, über sein Leiden an der Welt, Jahre des Drogenkonsums und sein neues Album "Devil's Playground"

Entertainer Idol: "Die unglaublichsten Liebesgeschichten, die tiefsten Abstürze"
SPIEGEL: Mr. Idol, nach zwölfjähriger Pause bringen Sie im März ein neues Album heraus - und sehen mit blondiertem Igelhaar und hochgezogener Schmolllippe verblüffend unverändert aus. Haben Sie keine Lust, sich dem Stil der Gegenwart anzupassen?

Idol: Sehen Sie, ich habe schon am Beginn meiner Karriere kapiert, was ein Image ist. Als ich Mitte der siebziger Jahre mit der Punkband Generation X antrat, wussten wir, wie wichtig Äußerlichkeiten sind. Jeder von uns entwickelte irgendwelche Macken, die dem Publikum gut im Gedächtnis bleiben sollten. Und ich glaube, das hat gerade in meinem Fall ganz gut funktioniert.

SPIEGEL: Das heißt, Sie werden bis heute zuverlässig auf der Straße erkannt?

Idol: Immer. Schuld daran ist MTV, denn dort war über all die Jahre immer irgendwas von mir zu sehen. Allerdings sehe ich so sehr nach Billy Idol aus, dass die meisten Menschen, die mich sehen, gar nicht glauben, dass ich es wirklich bin. Man sieht ihnen an, dass sie denken: Was ist das bloß für ein armes Schwein, das sich rausputzt wie Billy Idol, bloß um ein wenig aufzufallen?

SPIEGEL: Warum hat es so lange gedauert, bis Sie Ihr neues Werk "Devil's Playground" fertig hatten?

Idol: Das ist ganz einfach: Damit man mit einem Comeback auch noch die entlegensten Winkel des Universums erschüttert und einen wirklich aberwitzigen Erfolg erzielt, muss man sich vorbereiten - und das habe ich getan. Im Ernst: Es gab Probleme mit Plattenfirmen, die das Ganze unangenehm verzögert haben. Die Chefs meiner alten Firma haben mich gedrängt, bloß keine Experimente zu machen, sondern nur eine waschechte, typische Billy-Idol-Platte. Was für Musik ich mache, entscheide ich aber immer noch ganz allein!

Rockstar Idol mit Wachsdouble: "20 Jahre lang die Puppen tanzen lassen"
SPIEGEL: Schon gut - aber warum klingt Ihr neues Werk, eingespielt mit Ihrem alten Produzenten und Ihrem bewährten Gitarristen Steve Stevens, ganz nach dem Billy Idol vor 20 Jahren?

Idol: Darum geht es nicht. Es klingt sehr nach Billy Idol - aber nur weil ich das so entschieden habe.

SPIEGEL: Was macht einen Billy-Idol-Song aus?

Idol: Eigentlich kann man die Macht eines guten Songs nicht erklären, denn es geht ja um Magie. Aber bei mir geht es grundsätzlich immer um Rock 'n' Roll, und bei mir ist nun mal alles eine Nummer größer als beim Rest der Welt. Die unglaublichsten Liebesgeschichten und die tiefsten Abstürze machen einen Billy-Idol-Song aus.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie selbst auch böse abgestürzt sind?

Idol: Das ist richtig. Ich habe dummerweise probiert, meine Probleme mit exzessivem Drogenkonsum zu lösen. Meinen Tiefpunkt hatte ich 1994 erreicht. Da hatte ich fast 20 Jahre lang nonstop die Puppen tanzen lassen. Zur Vernunft brachte mich erst der Gedanke an meine beiden Kinder. Mein Sohn lebte damals bei mir, er war sechs und ich schämte mich unendlich für das Elend, das ich ihm vorlebte. Also beschloss ich, die Dinge in den Griff zu bekommen.

SPIEGEL: Als Vater kann man Sie sich schwer vorstellen. Wie erziehen Sie Ihre Kinder?

Idol: Ich erkläre ihnen meine Sicht der Welt. Als mein Sohn gerade laufen konnte, bin ich mit ihm in einen Plattenladen gegangen und habe ihn mit den Platten versorgt, die man meiner Ansicht nach besitzen und kennen muss. Also die erste von The Clash, das Sex-Pistols-Album und die ersten beiden von Led Zeppelin und Black Sabbath.

SPIEGEL: Ihr Sohn ist nun 16 Jahre alt. Ein Alter, in dem Kinder gern gegen ihre Eltern rebellieren. Wie rebelliert man gegen den fast 50-jährigen Billy Idol?

Idol beim Konzert (New York, 2001): Rock 'n' Roll als Schmerzmittel
Idol: Das hat Willem, mein Sohn, sehr geschickt angestellt. Er hat seine eigene Band gegründet. Die habe ich mir mal in einer noblen Spelunke in Los Angeles angeschaut und musste erkennen, dass sie lauter und wilder sind, als ich es je war. Wenn er demnächst mehr Platten als ich verkauft, hat er mich endgültig fertiggemacht.

SPIEGEL: Spielt der Albumtitel "Devil's Playground" auf Ihre verlorenen Jahre an?

Idol: Der Titel ist eher ein Kommentar zur Lage der Welt. Schauen Sie sich doch um, die Welt scheint zum Spielplatz von Verrückten geworden zu sein. Ich behaupte, dass nur der Rock 'n' Roll da Trost bietet und viele Schmerzen lindern kann - zumindest mir verschafft nichts anderes auch nur ansatzweise so viel Erleichterung.

SPIEGEL: Wie kommt's, dass Sie trotzdem stets unter Strom zu stehen scheinen und auch hier beim Interview zwischendurch laut herumbrüllen - sind Sie das der Kunstfigur Billy Idol, die bürgerlich William Broad heißt, schuldig?

Idol: Natürlich ist das, was ich als Billy Idol anstelle, oft Inszenierung. Deshalb spreche ich oft von mir in der dritten Person. Aber ich habe mehr kontemplative Momente, als Sie sich vorstellen können. Ich lese wirklich gern und denke sehr viel nach. Der Kopf ist der tollste Computer der Welt. Man findet dort aufregenderes Zeug als im Internet.

Pop-Ikone Idol: "Ich denke sehr viel nach"
SPIEGEL: Sie sind Brite und sowohl in Ihrer Wahlheimat in Kalifornien als auch in Ihrer Heimat häufig mit schrillen Presseberichten konfrontiert. Ärgert Sie das?

Idol: Leider muss man viele dieser Horrorgeschichten mit teuren Anwälten aus der Welt schaffen. Wenn du in L. A. berühmt bist, gibt es immer irgendwelche Leute, die dir irgendwelchen Mist anhängen wollen. Wirklich irre war es, als ich eines Morgens in der Zeitung las, dass ich tot sei.

SPIEGEL: Woran waren Sie gestorben?

Idol: Natürlich an einer Überdosis. Es war ein Riesenaufwand, bis ich allen Verwandten klar gemacht hatte, dass ich noch lebe!

INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH