Kein Regal, kein Kondom, aber Billy

Das Idol des Rock'n'Roll wirkte im Stadtpark 20 Jahre jünger als vor 20 Jahren - Comeback gelungen

von Stefan Krulle

So, liebe Probanden, jetzt gucken Sie doch bitte alle mal aufmerksam nach vorn. Genau so nämlich und vielleicht kein bißchen anders sieht er aus, der Rock'n'Roll. Doch, die Klischees gehören allesamt dazu, deshalb ist es doch so lustig! Nein, es ist keinesfalls schlimm, wenn der Vorsänger aussieht wie einem Comic entsprungen, im Gegenteil. Hach, liebe Leute! Wir fangen noch mal ganz von vorne an. Oder doch besser ungefähr in der Mitte. Also im Jahr 1984. Da kletterte ein elektrisierend rhythmischer Song namens "Eyes Without A Face" in den Top Ten herum und annoncierte ein Gesicht dazu, dem offenbar der Fotograf vor jedem Bild ein "los Billy, böse gucken, noch böser!" zugerufen hatte. Billy tat, wie ihm geheißen, zog die Oberlippe an einer Seite hoch und die Augenbraue an der anderen ein Stück runter und sah trotzdem gefährlich sexy aus. Das jedenfalls sagten die meisten Frauen mit verklärtem Blick, das mußte man schon glauben.

Am Sonnabend, leider noch bevor es düster ward, spurtete nun dieser Billy, vollständig Billy Idol und gutbürgerlich, igitt, 1955 William Michael Albert Broad geheißen, über die karge Bühne im Stadtpark und beschwor alte Herrlichkeiten. Zum Beispiel seinen bis heute stählernen Oberkörper, der bloß anfangs in weiße Baumwolle gewickelt, später nur noch in kühle Abendluft gehüllt von ewiger Jugend zu künden schien. Genau wie sein Besitzer, mit strammen 49 Jahren nach ellenlanger Expedition durch den Drogensumpf endlich zurück auf der Bühne. "Wir werden ein paar neue Stücke spielen", röhrt Idol sonor ins Mikro, "und ein paar verflucht alte. Keine Ahnung, ob ich die alle noch erinnere." Immerhin hatte er sich nach dem 1993er Rohrkrepierer "Cyberpunk" ein Dutzend Lenze verkrochen, ohne daß allzu viele Menschen auf die Suche nach dem entschwundenen Idol (deutsch prononciert, in diesem Fall) gegangen wären.

Jetzt freuen sie sich wie blöde, die Thirtysomethings unterm für diese zwei Stunden freundlichen Himmel, und tanzen wie damals zu "Dancin' With Myself" und "Flesh For Fantasy". Ein Song, zu dem der Tonmeister zwar noch immer schläft, Billy Idol aber pflichtbewußt schon mal die Jacke auszieht. Bei "White Wedding" wird kurz der Nabel entblößt, "Sweet Sixteen" sitzt als beschauliche Holzgitarren-Version im Schneidersitz auf den Brettern. Zum "Heartbreak Hotel" von King Elvis hängt die Wanderklampfe lässig auf Billys Rücken und liegt das T-Shirt vorne im Gras.

So langsam können wir zu den Sensationen des Abends kommen. Deren erste war die zuletzt bemerkte: Billy Idol gab keine Stippvisite, sondern blieb geschlagene zwei Stunden auf der Bühne. Und sang am Ende richtig gut, nachdem die ersten Songs nach einem schnellen Abbruch der Aktivitäten geklungen hatten, so zerschrunden kam Billys Gesang aus den Boxen. Noch wichtiger aber: Billy spielte die zweite Geige, denn an der Gitarre posierte Steve Stevens, sein alter, dereinst in Michael Jacksons Band abtrünnig gewordener Kumpel.

Steve ist die personifizierte Rockerpose. Wie aus dem Lehrbuch die gebückte Haltung mit Gitarre vorn vorm Knie oder phallisch vertikal den Göttern zugeneigt, auch wunderbar die teuer speckigen Höschen, das toupierte Haar, die Einlage mit Bachs Toccata & Fuge der Nummer 565 aus dem Werkverzeichnis, für die Steve nur die Kirchenorgel fehlte, ganz und gar mustergültig am Ende jedes Solo, bis hin zum Hendrix-Mahnmal mit Gitarre im Nacken und anschließender Pete Townshend-Windmühle. Kurz gesagt: Gegen Steve Stevens verblaßte Billy Idol ein ums andere Mal. Nach "Rebel Yell", Tommy James' "Mony Mony" und "Who Are You" der Who und tausend Geschenken fürs Auditorium allerdings hatte Billy alle unter den Rasen gepflügt. Ein riesiges Comeback von, O-Ton des Meisters, "Billy Fuckin' Idol". Yeah!

Artikel erschienen am Mon, 6. Juni 2005