„Noch mehr Killersongs“ - Billy Idol im Interview

Nach einem schweren Motorradunfall und steiler Drogenkarriere überrascht Altrocker Billy Idol (50) jetzt mit seinem aktuellen Album „Devil’s Playground“. Vor seinem Konzert am 30. November in Leipzigs Arena plaudert der Sänger über Punkvergangenheit, Comeback und seine Zukunft.

Frage: Jeder Künstler verkauft einen Traum. Welcher ist deiner?

Billy Idol: Anfangs war es ein Traum, das zu tun, was ich tue, also in einer Band spielen und Songs schreiben. Es gab Zeiten, da erschien mir das unerreichbar. Aber dann tat sich etwas in England. Die Sex Pistols tauchten auf – und wir alle glaubten daran, dasselbe tun zu können. Wir glaubten an die Musik, etwas was heute wieder ins Rockgeschäft zurückkehren sollte.

Was macht dich zu diesem Rebellen, den Leute nicht vergessen?

Ich glaube nicht, dass ich ein solcher Rebell bin. Ich singe zwar ein Lied über diesen rebellischen Geist, aber das bringen manche Leute wohl ein bisschen durcheinander. Ich gehe schließlich nicht jeden Tag raus und spiele verrückt. Jeder sollte die ihm gegebene Kraft nutzen. Ich schreibe eben Songs. Dass ich Sänger werden würde, hätte ich nie gedacht. Ich habe mich immer als Gitarrist gesehen.

Was ist Musik für dich: Lebens- oder Genussmittel?

Eher das Erste, kein Luxus. Es macht mir immer noch großen Spaß, weiter Musik zu machen, egal wie alt ich bin.

Die Intensität deines Gesangs ist legendär. Woher kommt die Kraft?

Die Emotionalität eines Songs treibt mich an, meine Stimme bringt das Lied voran.

Trainierst du dafür?

Nicht speziell. Wir machen Zwei-Stunden-Rock’n’Roll-Shows. Das ist schon Lektion genug. Ansonsten singe ich ab und zu mal vor mich hin, um mich aufzuwärmen. Ich habe ja nichts, was ich besonders beschützen müsste.

Dein aktuelles Album hat wie eine Bombe eingeschlagen. Wie erklärst du dir den neuerlichen Erfolg?

Ich danke Gott dafür, dass den Fans die Musik so gut gefällt. Für mich ist die Platte aber nur ein Schritt hin zum nächsten Album. Das nehmen wir auf, wenn die Tour zu Ende ist. Darauf werden noch mehr Killersongs sein. Mit „Devil’s Playground“ haben wir einen Fokus gefunden. Jetzt kann ich es gar nicht erwarten, unsere wirklich großartige Show zu präsentieren. Wir spielen alte Stücke und auch den neuen Stoff. Und danach geht es wieder ins Studio. Wir haben viel vor.

Siehst du „Devil’s Playground“ als eine Art Comeback?

So was ist es schon. Wir hatten schon länger kein Album mehr aufgenommen. In erster Linie sehe ich es aber als Station. Bei „Devil’s Playground“ haben wir die Maschine angeheizt. Jetzt geben wir Vollgas. It’s gonna be hell in the devil’s playground!

Wie war es, nach all den Jahren wieder mit deinem bewährten Partner Steve Stevens zusammenzuarbeiten?

Magisch. Steve hat’s einfach. Zuletzt waren wir ja 1995 zusammen.

Viele Songs schreibst du auch mit Schlagzeuger Brian Tichy. Was kommt zuerst, Musik oder Text?

Unterschiedlich, das hängt davon ab, wer zuerst eine Idee hat. Dabei ist Brian mehr auf Riffs aus. Wir passen aber gut zusammen, und es macht viel Spaß, die Teile zusammenzufügen.

Wie groß ist der Druck, dass du dich jetzt selbst kopieren musst?

Da muss man schon aufpassen. Es hängt von den Konstellationen und den Dingen ab, über die man singt. Wenn man sie nicht wiederholt, kehren auch die Gefühle nicht wieder, die man ausgelöst hat. Ich glaube aber nicht, dass ich mich großartig kopiere. Auf „Devil’s Playground“ haben wir 13 verschiedene Songs gepackt, um jeden zufrieden zu stellen. Schließlich waren wir ja eine Weile von der Bildfläche verschwunden. Auf der neuen Platte werden nur zehn großartige Lieder sein.

William Gibsons Cyberpunk-Bücher waren ein Riesenerfolg, dein gleichnamiges Album 1993 nicht. Wieso?

Keine Ahnung. Wahrscheinlich haben die Leute von mir kein alternatives Dancealbum erwartet. Dabei war es gar nicht soweit weg von dem, was ich in den Achtzigern gemacht habe.

Am Konzerttag in Leipzig wirst du 50. Was ist denn geplant?

Weiß ich noch nicht, vielleicht gibt’s ja eine große Party. Auf jeden Fall werden wir unsere Show spielen. Und die ist auch schon eine big Party. Mal sehen, was danach passiert.

Dein größter Wunsch, deine größte Befürchtung zum 50.?

Ich fürchte nichts. Dafür wünsche ich dem Publikum und uns eine tolle Tour.

Wie schwierig ist es, William Broad und Billy Idol auseinander zu halten?

Ziemlich einfach. Im Grunde ist es ja dieselbe Person – William Broad, auch bekannt als Billy Idol. Ich spreche nur manchmal in der dritten Person von mir, wie die Könige.

Fühlst du dich eher als Punk oder doch als Teil des Systems?

Ich stehe immer noch auf diese Punk-Haltung. Bis heute versuche ich, diese Einstellung in meine Songs einfließen zu lassen, auch wenn die Musik sicher kein lupenreiner Punk ist.

Eigenschaften, die man zum Überleben im Musikgeschäft braucht?

Man muss sehr konzentriert sein, sein Instrument oder seine Stimme lieben. Und man braucht bigger balls.

Interview: Ingolf Rosendahl

LVZ vom 11.11.2005